Bernard Moitessier - 1925-1996

Portraits berühmter Einhandsegler und ihrer Schiffe
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Markus
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Bernard Moitessier - 1925-1996

Beitrag von Markus »

[glow=orange]Bernard Moitessier[/glow]

„Ich habe keine Lust, nach Europa zurückzukehren mit all seinen falschen Götzen. In Europa saugen sie Dich aus bis aufs Blut und fressen Deine Eingeweide.
Ich werde dahin gehen, wo ich mein Boot festmachen kann wo immer ich will. Dort, wo es Sonne und Luft umsonst gibt. Dort, wo ich im Meer schwimmen und mich auf einem Korallenriff bräunen kann.“
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Mit diesen Worten, die er seiner Frau Françoise aus Kapstadt schickte, gab Bernard Moitessier offiziell sein Ausscheiden vom „Golden Globe Race“ bekannt. Allen, die dieses Herkules-Abenteuer mit verfolgten, erschien sein Aufgeben verrückt. Robin Knox-Johnston war zwar zwei Wochen voraus, aber „Joshua“ Moitessiers 39-Fuß-Ketsch hatte sich als schnell und stabil erwiesen und Moitessier hätte noch jede Chance gehabt zu gewinnen. Françoise sagte, er müsse vorübergehend genervt sein und man solle ihn in Ruhe lassen. Diejenigen, die Bernard kannten, verstanden ihn.

Seit seiner Geburt 1925 in Hanoi / Vietnam hatte der junge Bernard Moitessier nichts Bestimmtes angestrebt . Seine Eltern genossen ein sehr komfortables Leben in Vietnam. Bernard hatte schnell jedes seiner kurzfristigen Ziele erreicht. Er war ein asiatischer Schwimmchampion, ein ausgezeichneter Tennisspieler und ein Salonlöwe, der sieben Sprachen beherrschte und mit der klassischen Literatur vertraut war. Jeglicher Beschäftigung wurde er aber schnell überdrüssig. Einem von Tag zu Tag desillusionierterem Bernard erschien alles so wertlos; er hatte niemals arbeiten müssen.

Bernard war begeistert von der Art und Weise, wie Vietnamesen fischten. Nur mit Hilfe der Sterne, dem Wind und den Wellen; weder mit Kompass noch mit Chronometer fuhren sie über die Meere. Sie navigierten, indem sie sich auf ihren Instinkt und ihre Intuition verließen. Bernard nannte diese Intuition die „vierte Dimension“. Die Romantik des einfachen Fischerlebens inspirierte Bernard; er stieg aus. Er kaufte sich eine 40-Fuß-Proa aus Borneo, die er „Snark“ nannte. Recht unvorbereitet brach er auf mit Kurs auf Singapur, nur mit einer Ladung Reis an Bord.

„Die „Snark“ zog am Ende der Reise bis zu 25 Gallonen Wasser am Tag“, erinnerte sich Bernard. „Ohne zu sinken schafften wir es, sie sechs Monate später zurück nach Saigon zu bringen. Das arme Schiff war vom Mast bis zum Kiel morsch; es war zerfressen von Schiffswürmern.“

Die Abenteuerlust und der Kick, das Leben durch die eigene Genialität zu finanzieren und zu meistern, veränderten Bernard - das war Leben! Er kaufte eine siamesische 30-Fuß-Dschunke mit dem Gaffelrigg einer Ketsch, nannte sie „Marie-Therese“ und segelte am 4. September 1952 los, wieder ohne einen Chronometer. Er war entschlossen, die gleiche spirituelle Kraft zu nutzen, von der die vietnamesischen Fischer schöpften, die ihn so beeindruckten.

Bernard Moitessier wurde unermüdlich in seiner Suche nach dem, was er die „vierte Dimension“ nannte. Die aromatischen Öle, die seine hölzerne Dschunke ausdünstete, schienen die perfekte Atmosphäre für seine Suche zu erzeugen. Leider gelang Bernard das instinktive Navigieren nicht, denn 85 Tage nachdem die „Marie-Therese“ Singapur verlassen hatte, fand Moitessier heraus, wo er war: auf einem Riff vor Diego Garcia in der Mitte des Indischen Ozeans. Er konnte sich retten, aber die „Marie-Therese“ zerschellte, und Moitessier verlor mit der Dschunke einen spirituellen Partner.

Moitessier machte sich auf den Weg nach Mauritius. Er verdiente seinen Lebensunterhalt mit dem Fang und Verkauf von Fischen. Er macht damit genug Geld, um 1954 eine 27-Fuß-Ketsch nach seinem eigenen, asiatisch geprägten Entwurf bauen zu lassen. „Marie-Therese II“ lief am 2. November 1955 vom Stapel. Bernard nahm Kurs auf Kapstadt und den Atlantik. Er kam nur bis nach Durban, wo er die ungekrönten Könige des „Vagabunden-Segelns“ Kennen lernte, die alles aus Nichts machten und die diese Tatsache in zahlreichen Wirtshäusern feierten. Einer dieser Vagabunden war Henry Wakelam, Kapitän der Wanda. Die zwei hatten sich gesucht und gefunden. Jetzt segelten sie beide ihre Boote als Einhandsegler an den atlantischen Inseln vorbei in die Karibik. Als Bernard durch die Mona-Passage navigierte, schlief er an der Pinne ein und die „Marie-Therese II“ zerschellte wie auch ihre Vorgängerin „Marie-Therese“ an einem Felsen. Bernard war niedergeschlagen, entmutigt und ohne Geld.

Der norwegische Konsul fand für ihn einen Job auf einem Frachter, der nach Europa fuhr. Bernard nahm die Chance war. Er hatte Hummeln im Hintern. In Frankreich arbeitete er als Pharmalieferant und schrieb ein Buch über seine Abenteuer mit dem Titel „Ein Vagabund der Südmeere“. Er bekam viel Anerkennung, wurde reich und berühmt, aber hatte schon bald wieder das Gefühl, eingesperrt zu sein.

Jean Knocker, ein französischer Bootsbauer, der für eine neue Stahlkonstruktionstechnik warb, bot Bernard an, ihm eine Yacht zu bauen und nur die Materialkosten zu berechnen. Bernard stimmte zu. Die 39-Fuß-Ketch „Joshua“ war schon bald fertig und Moitessier eröffnete eine Segelschule in Marseille, wo er seinen Schülern von der vierten Dimension erzählte. Er traf seine Jugendliebe Françoise, heiratete und wurde Vater von drei Kindern.

Am 20. Oktober 1963 verließen Bernard und Françoise Marseille, um die Welt zu umsegeln. Die Kinder hatten sie in Internaten und bei Verwandten untergebracht. Nach einem Stopp in Casablanca ging es weiter nach Las Palmas auf den Kanaren. Dort trafen sie viele seiner Freunde aus Südafrika und nahmen mit ihnen Kurs in die Karibik, wo sie überwinterten.

Hier beschloss Bernard, die Welt nicht zu umsegeln, sondern über Tahiti und Kap Hoorn nach Frankreich zurückzukehren - er nannte es „die logische Route“. Sie segelten an Panama, den Galapagos- und Marquesas-Inseln und dem Tuamotu-Archipel vorbei bis nach Tahiti. Bernard lernte einen Segler namens William Robinson kennen, der ihn mit Geschichten über seinen Überlebenskampf am Kap Hoorn überrascht: „Joshua“ wurde daraufhin umgebaut und bekam eine Kuppel auf das Kajütdach, welches Bernard ermöglichte, bei schwerer See von innen aus zu steuern und dabei zu sehen, was draußen passiert.

Bernard und Françoise segelten nach Moorea, um sich dort zu entspannen, bevor sie am 23. November 1965 wieder Kurs nach Europa nahmen. 126 Tage und 14.216 Meilen später kamen sie vor Gesundheit strotzend in Alicante an. Bernard setzte sich an sein nächstes Buch über die Kap Hoorn-Umseglung, „Die logische Route“, welches ebenfalls ein Bestseller war. Bald darauf wurde er gefragt, ob er an der Regatta „The Golden Globe“ teilnehmen wolle - eine Nonstop-Einhandweltumseglung. Aus irgendeinem Grund sagte er zu. Zum ersten Mal, seit er Vietnam verlassen hatte, tat er das, was er nicht tun wollte: es gab Regeln und Einschränkungen, Preise und Trophäen - all das, was ihn abschreckte.

Moitessier war nicht mit Herz und Seele dabei. Vor Kapstadt kollidierte er beim Übergeben von Filmkassetten mit einem anderen Schiff, und hatte dabei seinen Bugspriet verbogen und das Rigg beschädigt. Er zog in Erwägung, einen seiner alten Schlupfwinkel anzusteuern und das „Golden Globe Race“ aufzugeben. Eines seiner Schlupflöcher war Mauritius, er hatte die notwendigen Seekarten dabei. Doch die Herausforderung des Rennens erschien ihm unwiderstehlich und Moitessier segelte weiter. Seine Beziehung zu dem Eigenleben und den Launen des Meeres wuchsen; die fast „heilige“, vierte Dimension nahmen Bernard immer stärker ein.

Als er sich Kap Hoorn näherte, waren Moitessier und sein Boot eins geworden und er konnte sich nicht dazu durchringen, einen Kurs über den Atlantik zu stecken. Bei den Falkland Inseln war er sich dann im Klaren. Am 28. Februar 1969 schrieb er in sein Logbuch: „Ich gebe auf. Mein Instinkt sagt mir, es ist das Beste.“ Nachdem er sich für die Richtung Galapagos-Inseln oder Tahiti entschieden hatte, beendete er seine Eintragung mit: „Zeit zu haben...die Wahl zu haben...nicht zu wissen, was einen erwartet, und einfach trotzdem hinzusegeln, ohne Sorge, ohne Fragen zu stellen.“ - Er war wieder frei.

Bernard kam am 21. Juni 1969 in Tahiti an und besegelte die Weltmeere für den Rest seines Lebens. Er schrieb das Buch „Der lange Weg“ über seine Reise. Später fügte er „Tamata and the Alliance“ hinzu, ein Buch über sein Leben auf seinem letzten Schiff. 1996 verstarb er an Krebs.

Gast

Beitrag von Gast »

Habe fast alle Bücher von Bernard gelesen. Einmalig!!!
Für gute Tips empfehle ich:" Weite Meere, Inseln und Lagunen" Delius Verlag. Das Buch hat zwar seine letzte Freundin Véronique Lerebours Pigeonnière geschrieben, aber Bernard ist als Autor eingetragen.
Gruß Jürgen.